Das digitale Debakel – oder vielleicht die digitale Katastrophe

Andrew Keen, 1960 in Hampstead geboren, studierte Geschichte und Politikwissenschaften behauptet in seinem Buch „Das digitale Debakel“: „Der Erfolg des Internets ist in Wirklichkeit eine riesige Pleite. Eine Riesen-Scheiß-Pleite.“

Aufmerksam auf Keen bin ich beim durchstöbern von Amazon, einem der Monopolisten des Internets, geworden. Der Titel versprach Spannung, zumal schon die These, das nur ein Prozent, vorwiegend junge weiße Männer, vom Internetboom der letzten beiden Jahrzehnte profitiert haben. 2014 haben wir 25 Jahre World Wide Web und den Fall des antikapitalistischen Schutzwall gefeiert. Wie weit daneben ich mit meinen Einschätzungen am 9. und 10. November 1989 lag und wie radikal diese beiden Ereignisse auch meinen beruflichen Werdegang beeinflusst haben, ist mir erst viel später bewusst geworden. Dazu musste ich das Buch von Andrew Keen nicht lesen. Das auch nur ein verschwindend geringer Teil der Menschen überhaupt von und mit dem Internet ein auskommen erhalten, bzw. den Riesen-Reibach machen, ist auch keine neue Erkenntnis für mich. Mich überrascht auch nicht mehr, wie tatenlos wir dem Treiben von Amazon, Google, Facebook, Twitter und Co. zusehen.

Was scheinbar kostenlos und unbegrenzt mit dem Internet für uns bereitgestellt wird, hat in Wirklichkeit einen Preis, der mit den Quartalsgewinnen von Google, Facebook oder Amazon deutlich wird. Sie haben einen Facebook-Account? Wie viele Stunden pro Tag verbringen Sie in Facebook? Rechnen Sie mal hoch, wie viele Stunden das pro Jahr sind und was Sie für Ihre Zeit an Geld von Facebook erhalten haben. Sie lesen richtig, was hat Ihnen Facebook dafür gegeben, dass Sie Ihre Zeit, Arbeitskraft und Daten Facebook gegeben haben. Sie lesen wieder richtig! – Was haben Sie für die zur Verfügungsstellung Ihrer Arbeitskraft an Entgelt erhalten? Das Geschäftsmodell von Facebook oder Google beruht darauf, aus Ihren persönlichen Daten, die Sie, Ihr Partner, Ihre Kinder und Freunde tagtäglich kostenlos und freiwillig an Google und Facebook weitergeben, so viel Profit wie möglich herauszuholen. Kurz – Sie machen die Arbeit und Mark Zuckerberg und seine Investoren sacken die ganze Kohle ein. Auf diesen einfachen Nenner können Sie das Geschäftsmodell der sozialen Netzwerke a la Facebook oder von Google reduzieren. Und Sie – ja Sie, was haben Sie davon? Wenn Sie nicht zu dem einen Prozent gehören, das direkt von diesem Geschäftsmodell profitiert, haben Sie effektiv Null Komma Nichts. Keinen realen Mehrwert – oder trocken: Sie sind der Dumme und wenn Sie Taxifahrer sind, müssen Sie demnächst noch um Ihren Arbeitsplatz fürchten, weil die nächste Killer-App Uber schon auf den Sprung ist, auch hier ein Monopol zu schaffen, welches Ihren Arbeitsplatz vernichtet und keinen neuen schafft.

Sie glauben mir nicht. Denken Sie mal nur an Quelle und den Seehofer-Gedächtniskatalog, der die Pleite von Quelle verhindern sollte. Seehofer hat versucht diese Pleite mit einer Finanzspritze von 50 Millionen Euro zu verhindern. Oder kennen Sie noch Kodak? Auch Pleite, weil Ihr Mobiltelefon die digitalen Aufnahmen automatisch nach Facebook oder Instagram versendet. Wie bequem für Sie. Wissen Sie, dass WhatsUp nur 55 Mitarbeiter hat und für 19 Milliarden Dollar an Facebook verkauft wurde. 55 Mitarbeiter sollen pro Kopf 345 Millionen US-Dollar wert sein?

Andrew Keen beschreibt in seinem Buch eindrucksvoll in welchem Debakel oder vielleicht sogar besser, in welcher Katastrophe wir uns befinden. Edward Snowden hat mit seinen Enthüllungen nicht nur die Datensammelwut der NSA enthüllt. Willige Lieferanten sind auch Google und Facebook. Ich habe nichts zu verbergen, werden Sie jetzt wohl als Schutzbehauptung anführen. Doch Sie haben sehr viel zu verbergen und zu schützen. Oder lassen Sie Ihre Wohnungstür offen und bitten noch dazu jeden Passanten hereinzukommen. Es geht schließlich um Ihre Privatsphäre. Mit Facebook und Google machen Sie genau dies und diese Unternehmen brüsten sich noch mit der Behauptung, mehr über Sie zu wissen, als Sie selbst. Und genau dies macht das Buch von Andrew Keen so lesenswert. Nicht, weil er Antworten auf die brennenden Fragen nach der Zukunft des Internets liefert und wie die offenkundigen Probleme zu lösen sind. Sondern weil er brutal den Finger in die Wunde legt und eine messerscharfe Diagnose des Patienten Internet abliefert. Die Lügen von Facebook, Google, Amazon und Co entlarvt und die wirklichen Interessen dieser elitären Parallelgesellschaft aufdeckt.

Auch ich weiß, dass die Monopolstellung der neuen Oligarchen des Internets gebrochen werden muss. Die Partei in Deutschland, die sich dieses Themas angenommen hat, dümpelt in der Bedeutungslosigkeit herum. Die Piraten sind eine kleine Truppe von Nerd’s, mit denen der Rest der Gesellschaft nichts anfangen kann. Die etablierten Parteien in Deutschland sind entweder vom Personal überaltert oder haben schlichtweg keine Ahnung. Selbst unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel, promovierte Physikerin, und von Ihrer Ausbildung eigentlich in der Lage dieses Komplexe Thema zu verstehen, echauffiert sich lieber darüber von der NSA abgehört zu werden, als die abhörsichere Technik zu verwenden, die Ihr der BND zur Verfügung stellt und zu deren Nutzung sie auch verpflichtet ist. Datensammeln und die Überwachung des Internets sind Hoheitsaufgaben des Staates und gehören nicht in die Hände private Geschäftemacher. Das ist die Katastrophe von Web 2.0. Paradox mag es hier klingen, dass ein autoritärer Staat wie die Volksrepublik China wohl ungewollt mehr für den Schutz der Privatsphäre seiner Bürger macht, als die Orwellsche Big Brother Branche im Silicon Valley, das bekanntlich in einem Hort der Demokratie und Freiheit liegt. Aber wie heißt es schon so in The Animal Farm: „Alle Schweine sind gleich. Nur manche Schweine sind gleicher!“

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