Digitalisierung im Handel

Das „Sterben der Innenstädte“ nur auf fehlende Parkplätze und die falsche Klientel zurückzuführen ist so primitiv gedacht wie nur irgendetwas. Etwaige gehaltene Artikel, wie auf Kassenzone, oder Kommentare in sozialen Medien triefen nur so vor Populismus und wollen sich erst gar nicht mit den eigentlichen Ursachen auseinandersetzen. Dabei sind die Umwälzungen und Konsequenzen durch den technologischen Fortschritt weitaus tiefgreifender, als sich das mancher eingestehen will.

Der deutsche Mittelstand als Innovationsmotor war einmal. In vielen Bereichen können deutsche Unternehmen nur noch hoffen, nicht ganz den Anschluss zu verlieren. Wer das nicht wahr haben will, kann sich die Analysen gerne unter https://www.digitalisierungsindex.de/ gerne selbst betrachten. Und das Schlusslicht in puncto Digitalisierung ist der Handel. Und damit ist auch die Kaste der selbsternannten E-Commerce-Rockstars mit eingeschlossen.

Wie weit die Digitalisierung in den deutschen mittelständischen Unternehmen fortgeschritten ist, zeigt die folgende Grafik:

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Bemerkenswert ist hier, das in der Gesamtheit bei den Unternehmen IT- und Informationssicherheit und Datenschutz ganz oben auf der Agenda stehen. Digitale Angebote und Geschäftsmodelle sind über alle Branchen verteilt eher nicht auf dem Schirm der Unternehmer. Und nur 27 % aller Unternehmen verfolgen eine Digitalisierungsstrategie. Im Umkehrschluss fischt der Rest im trüben Wasser und hat keinen Plan, was er den jetzt tun soll.

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Quelle: https://www.digitalisierungsindex.de/wp-content/uploads/2016/10/Infografik_Digitalisierungsindex_Gesamtergebnisse_Highlights-1024×576.jpg

Wie schon gesagt, Schlusslicht ist der Handel. Hier sieht die Sache dann so aus:

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Quelle: https://www.digitalisierungsindex.de/wp-content/uploads/2016/10/Infografik_Digitalisierungsindex_Handel_Indexpunkte-1024×576.jpg

Etwas mehr als die Hälfte der Händler verfügen über digitale Angebote und Geschäftsmodelle in einer Zeit, in der jeder Depp ein Handy hat und mehr Zeit in Facebook verbringt, als mit seinem Sexualpartner bei der Bettgymnastik. 42 % aller Unternehmen im Handel haben schlichtweg den Zug verpasst und stehen gerade mit ziemlich leeren Händen da. Was das Thema IT- und Informationssicherheit und Datenschutz anbelangt, so haben mal gerade 41 % der Unternehmen ihre allfälligen Hausaufgaben gemacht.

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Quelle: https://www.digitalisierungsindex.de/wp-content/uploads/2016/10/Infografik_Digitalisierungsindex_Handel_Highlights-1024×576.jpg

Immerhin haben sich schon mal knapp zwei Drittel der Händler schon intensiver mit der Digitalisierung auseinandergesetzt. Nur solche Aussagen sind immer mit Vorsicht zu genießen. Das heißt dann in der Praxis, wir haben schon mal einen Blogbeitrag auf Wortfilter.de gelesen (was nicht prinzipiell verkehrt ist).

Ich möchte jetzt nicht auf Details eingehen und hier auch keine Lösungen oder Patentrezepte präsentieren. Diese gibt es aus meiner Sicht nicht. Ich arbeite gerade ein Whitepaper der Opitz Consulting mit dem Titel Dynamikrobuste Architekturen der Digitalisierung durch. In diesem Whitepaper werden im Vorwort 7 Kernfragen aufgestellt:

  • Wie sieht eine Architekturvision für die Digitalisierung aus?
  • Welche organisatorischen Veränderungen sind notwendig?
  • Wie werden die Mitarbeiter darauf vorbereitet? (Aus meiner Sicht auch die Geschäftsführung!)
  • Wie beherrscht man die steigende Komplexität?
  • Wie können IT-Entscheider die widersprüchlichen Forderungen nach Sicherheit und Robustheit auf der einen Seite und nach Dynamik und Flexibilität auf der anderen Seite in Deckung bringen?
  • Wie können Unternehmen neueste technologische Entwicklungen in ihrer IT-Landschaft nutzen, ohne die Robustheit der Kernsysteme zu gefährden.

Nach meiner persönlichen Einschätzung sind die Hälfte der Entscheidungsträger schon mit diesen Fragestellungen völlig überfordert. Wenn ich jetzt noch damit anfange das „Alles IT ist“ und Changeability als Haltung der entscheidende Baustein der Digitalisierung ist, dann steigen an dieser Stelle rund zweidrittel der Online-Gurus schon wieder aus.

Als Luther seine 95 Thesen an die Kirchentür zu Wittenberg genagelt hat, hat auch der halbe Klerus gerufen, was für ein Unsinn. Über das Local Commerce Manifest von Andreas Haderlein als Unfug abzutun, ist mir persönlich zu einfach gedacht. Unterm Strich hat der gesamte Handel in den letzten Jahren einfach seine Hausaufgaben nicht gemacht und das Feld einfach anderen überlassen. Dass dabei auch noch die gesamte Politik, angefangen bei den Kommunen bis zur Bundesregierung, einfach nur geschlafen hat und ausschließlich die Implementierung eines Überwachungsstaates im Fokus hatte, muss ich jetzt nicht sonderlich hervorheben.

In den nächsten Jahren werden 3 Themen die Agenda bestimmen:

  1. Die Digitalisierung von Geschäftsmodellen und Angeboten.
  2. Die Interaktion zwischen Mensch und Maschine und damit auch das Thema künstliche Intelligenz (KI)
  3. IT- und Informationssicherheit und Datenschutz.

Diskussionen, ob jetzt die Innenstädte veröden, sind einfach nur Zeitverschwendung. Im Übrigen hat sich Amazon gerade den größten Bio-Laden Amerikas einverleibt. Das würde man nicht machen, wenn keiner mehr in der Zukunft offline Einkaufen würde. Und von den paar Nerds und Vollpfosten, die sich ihre Lebensmittel online bestellen, kann auch ein Versandhandelsriese wie Amazon alleine nicht leben.

2 Gedanken zu „Digitalisierung im Handel“

  1. Hallo Michael,
    super Artikel mal genaue Zahlen zu sehen ist sehr cool. Was denkst du müssen die lokalen Händler in den kommenden Jahren machen um nicht mit der Digitalisierung unterzugehen?
    Grüße Norman

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