Was macht ein Blinder am Computer?

Seit ich denken kann, begleiten mich handschriftliche Notizen durch meinen Alltag. Als Grundschülerin habe ich an einer Schule für Sehbehinderte ganz normal schreiben und lesen gelernt. Meine Eltern wussten nicht, dass es Schulen für blinde Kinder wie mich gibt. Die Texte bekam ich in vergrößerter Form. Bis eine Lehrerin in der zweiten Klasse einsah, dass ich für diese Schule einfach zu schlecht sah.

Und so begann mit der dritten Klasse meine Karriere an einer Blindenschule. Was für meine Familie einer Katastrophe gleichkam war für mich ein gütiges Schicksal. Ich erlernte die Brailleschrift und stellte fest, dass ich jetzt viel flüssiger lesen kann als vorher. Und ab der 5. Klasse hatte ich Maschinenschreiben als Pflichtfach. Auf dem Gymnasium mussten wir ab der 9. Klasse alle schriftlichen Arbeiten auf der Schreibmaschine tippen. Dabei zählten auch die Tippfehler bei der Benotung.

Nach dem Abitur zog mein erster PC bei mir ein. Und hier bewährte es sich, dass ich auf der Schreibmaschine schneller schreiben konnte als meine normal sehenden Komolitonen. Ich lernte ganz nebenbei Briefe oder andere Dinge auf dem PC zu erstellen und für normal sehende Dozenten einfach mit einem Drucker auszudrucken. Und auf einmal konnte ich meinen Text sogar abspeichern und bearbeiten. Das was für einen normal sehenden Schreiber was völlig normales war. Ich lernte, dass ich Sehenden eine Alternative anbieten konnte, wenn sie mir mal wieder eine handgeschriebene Notiz androhten. Nämlich selbst auf dem PC mitzuschreiben oder unterwegs auf ein Diktiergerät zu sprechen, um es zuhause ins Reine zu schreiben. Ich lernte auch Braille Drucker kennen. Hier konnte ich mir Notizen, Einkaufszettel oder Adressen zum Mitnehmen in Braille ausdrucken.

1994 zog das erste Vorlesesystem bei mir ein. Zum obligatorischen PC und Drucker zog nun auch ein Scanner und eine OCR-Software bei mir ein. So konnte ich zum ersten Mal gedruckte Schriftstücke einscannen und mittels Texterkennung in reinen Text umwandeln lassen. Dieser wurde mir dann durch eine synthetische Stimme vorgelesen. Jetzt konnte ich meine Post zum Großteil selbst lesen. Ich konnte mir das gescannte Bild mit einem sprechenden Namen auf dem PC abspeichern und bei Bedarf darauf zugreifen. Gepaart mit einem Modem konnte ich sogar blind Faxe verschicken.

Besonders klasse fand ich, dass ich jetzt ganz normal in eine Bücherei oder Buchhandel gehen und mir ein Buch aussuchen konnte. Ich war nicht länger auf das vergleichsweise geringe Angebot Hörbüchern oder Büchern in Braille angewiesen. Endlich konnte ich all die Bücher lesen, die meine sehenden Freunde auch lesen konnten.

Laptop mit Braillezeile
Laptop mit Braillezeile

2003 zog endlich E-Mail bei mir ein. Die Welt rückte wieder ein Stückchen mehr zusammen. Vor Allem die schriftliche Kommunikation wurde einfacher. Alles was irgendwie schriftlich sein musste versuchte ich per E-Mail zu machen. Denn die konnte ich selbst bearbeiten. Briefe waren zu Zeitaufwändig.

Als mein erstes Kind in den Kindergarten kam, bat ich die Mitarbeiter darum mir schriftliche Mitteilungen per E-Mail zu schicken. Und in 10 % aller Fälle funktionierte das auch so. Den Rest bekam ich nach wie vor als schriftliche Mitteilungen oder per Aushang am schwarzen Brett. Gleiches Spiel in der Grundschule meiner Kinder. Wir Eltern waren angehalten Elternmappe und Elternmitteilungsheft regelmäßig zu sichten. Auch Mitteilungen, die mit dem PC erstellt und ausgedruckt wurden konnte man mir nicht per E-Mail zuschicken. – Von anderen blinden Eltern höre ich, dass es sich immer noch nicht geändert hat. Viele machen es noch immer so wie ich damals. Sie bezahlen sich jemanden dafür, dass er oder sie sich um die Informationsbeschaffung kümmert, solange die Kinder das noch nicht selbständig machen.

Seit meine Kinder an der weiterführenden Schule sind, klappt das besser. Ich habe meine E-Mail-Adresse großzügig verteilt und immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass eine E-Mail mich schneller erreicht als eine Briefpost. Inzwischen gibt es auch unter den Eltern E-Mail-Verteiler. Es ist auch in der Welt der Sehenden angekommen, dass die Informationen so ihr Ziel schneller erreichen.

Einen Braille Drucker besitze ich nicht mehr. Der ist auch nicht wirklich notwendig. Informationen, die ich unterwegs bei mir haben möchte, sind auf meinem Smartphone gespeichert. Ich habe sogar eine Texterkennung darauf. Wenn die Speisekarte gut gedruckt ist, kann ich mir also im Restaurant mein Essen selbst aus der Speisekarte aussuchen.

Nur manche Einrichtungen haben es noch immer nicht gelernt. Liebe Krankenkassen, Blinde sind blind. Wenn Ihr mal wieder diese netten Briefe verschickt, wo die Optionen in Druckschrift da stehen, werden diese zwar vorgelesen. Nicht aber, dass Ihr angekreuzt habt „Bitte rufen Sie uns an“. Solchem Unsinn ist die Briefmarke nicht wert.

90 % meiner besuchten Ärzte wollen mir immer noch Hand geschriebene Zettel mit dem nächsten Termin zustecken. Manchmal mit der Bemerkung, dass mir das jemand vorlesen kann. Stellt Euch vor Ihr bekommt einen Zettel mit dem Termin in arabischer Schrift. Ich finde das hat dieselbe Wirkung.

Und hier lobe ich mir meinen Zahnarzt. Alle Patienten bekommen ihre Sachen auf Wunsch in elektronischer Form.

Viele Informationen suche ich mir aus dem Netz der Netze raus. Jedenfalls wenn sie einigermaßen Barrierearm gestaltet sind. Ich habe hier mal ein paar einfache Grundregeln zusammengestellt, die uns Blinden und Sehbehinderten das Leben enorm erleichtern können.

Was musst Du beachten?

  1. Struktur in einem Dokument und Internetseiten durch Überschriften (Formatierungsfunktion)
  2. Beschriftungen von weiterführenden Links, Schaltflächen und Eingabefeldern von Formularen. So kann ich z.B. nur meinen Namen eingeben, wenn es hier auch heißt, Name bzw. Vorname bitte hier eingeben.
  3. Alternativtext für Graphiken (engl. Image), Bilder, Erklärungen usw.. Wenn Bilder nicht beschriftet sind, liest meine Sprachausgabe nur Graphik vor, oder bestens falls die Seite, von der ein Bild geklaut wurde, mit http://….
  4. Audiodiskription von Videos und Filmen, denn ein Erklär-Film ohne Ton und Text erklärt mir gar nix.
  5. CAPTCHAs in barrierefreier Form.
    Du kennst die Eingabe von Buchstaben, die verzerrt dargestellt sind? Genau das geht nicht.. Diese Methode ist geeignet, um sich vor Blinden zu schützen.
  6. Kontrast von Farben für sehbehinderte Menschen, so ist Dunkelblaue Schrift auf hellblauem Hintergrund ein no-go!

Nachtrag vom Bastard Blogger from Hell:

Mehr Informationen über Lydia und wie Sie als blinder Mensch unter sehenden lebt findet ihr unter https://lydiaswelt.wordpress.com/. Es lohnt sich auch für Menschen ohne Seebehinderung!

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