Was müssen die lokalen Händler machen, um nicht mit der Digitalisierung unterzugehen?

Die spannende Frage hat Norman Glaser von den Markenrebellen hier in meinem Blog aufgeworfen. Und die Frage hat durchaus ihre Berechtigung. Nur ist die Antwort darauf nicht unbedingt das, was jetzt viele erwarten würden. Die grundlegenden technischen Lösungen sind in ihrer Gesamtheit ja schon vorhanden. Ich will mal die Sache aus der Sicht des IT-Beraters angehen und mal einen grundlegenden Lösungsweg andeuten.

Für mich als Schraubkopf sind genau drei Themen ganz oben auf der Agenda:

  1. Dynamik robuste Architekturen der Digitalisierung (Changability von IT-Systemen).
  2. Standardisierung und Industrialisierung von IT-Services (IT-Service Katalog)
  3. Proprietäre Systeme versus Open Source Lösungen (Test Lab Guide für Ubuntu 16.04)

Man kann es auch mit folgender Formel ausdrücken:

IT-Landschaften müssen in der Zukunft sich flexibel an sich immer schneller wandelnde Anforderungen des Marktes anpassen können und dabei standardisiert, industrialisiert und kostengünstig den Unternehmen zur Verfügung gestellt werden.

Um die Herausforderung dabei deutlich zu machen, zitiere ich hier Robert Scholderer aus seinem Buch IT-Service-Katalog:

Kunde:

  • Kein Kostenbewusstsein auf Kundenseite
  • Fehlende Standardservices: IT wird vom Kunden getrieben.

IT-Unternehmen:

  • Uneinheitliches Serviceverständnis
  • Serviceverantwortung auf mehrere Bereiche verteilt
  • Flexible oder feste Strukturen
  • Unklare Beschreibungstiefe
  • Lückenhafte Kostentransparenz
  • Kundenverständnis

Zulieferer:

  • Unklare Bewertung von Dienstleisterkosten wegen fehlender Inhouse-Preise
  • Nicht vorhandener Serviceschnitt für Auslagerungsentscheidung

Nur die Probleme zu nennen wäre jetzt zu einfach und hilft keinem weiter. Die Frage ist, wie lösen wir die Probleme auf. Das aber wird kaum durch einen alleine gehen. Hier müssten in erster Linie lokale Händler, IT-Unternehmen und Zulieferer sich an den berühmten runden Tisch setzen und gemeinsam Lösungen erarbeiten.

Doch bevor wir uns an die Lösung der Herausforderungen der Digitalisierung für den Handel machen, springen wir mal ins Mittelalter zurück. Hier hatten wir das Marktrecht mit klar definierten Plätzen und einem ganz speziellen Recht, welches durch die Marktherrn, den Königen, Fürsten, Grafen oder einem Bischof geschützt wurde. Also schon vor rund 1000 Jahren garantierte die Politik die Freiheit des Handelsverkehrs und die Sicherheit der Wege. Und mit der Prägung von Münzen wurde der Handel erleichtert.

Aus meiner Sicht schläft die Politik des digitalen Zeitalters hier gewaltig. Zu den 3 Akteuren Kunde, IT-Unternehmen und Zulieferer gesellt sich nämlich noch ein vierter und das sind die lokalen Politiker. Erste zaghafte Schritte gibt es schon. Überall entstehen langsam lokale Marktplätze wie die Online City Wuppertal. Aber wie so oft wird nur ein Punkt der Digitalisierung wirklich angegangen. In Puncto digitale Angebote und Geschäftsmodelle steht der Handel nämlich gar nicht so schlecht dar. Gerade beim Handel hapert es aber gewaltig in den Punkten Produktivität im Unternehmen und der IT- und Informationssicherheit und Datenschutz. Und auch die Digitalisierung der Beziehung zu Kunden steckt bei vielen noch ganz massiv in den Kinderschuhen.

Dass sich Händler, IT-Unternehmen und Zulieferer an einen Tisch setzen und gemeinsame Strategien entwerfen, halte ich noch für sehr unwahrscheinlich. Zu groß ist die Verlockung bei allen mit den großen Marktplätzen Amazon und eBay den schnellen Euro zu generieren. Hier sind die lokalen Politiker in der Pflicht als Mediatoren alle an einen Tisch zu bringen. Es geht nicht nur darum den lokalen Händlern geeignete Marktplätze einzurichten, über die sie ihre Produkte vermarkten können.

In Zusammenarbeit mit den lokalen IT-Dienstleistern müssen die notwendigen IT-Services standardisiert werden, damit diese dann industrialisiert, sprich weitestgehend automatisiert, zur Verfügung gestellt werden. Die hier angebotenen IT-Services sollten in einem für den Händler verständlichen IT-Service-Katalog aufgenommen werden und darüber auch bestellbar sein. Damit werden die Kosten für den lokalen Händler auch transparent und die Händler bekommen hier überhaupt ein Kostenbewusstsein für ihre IT-Kosten.

In der Zukunft wird es für die Kunden immer wichtiger zu wissen, wo denn eigentlich die eigenen Daten gespeichert werden. Datenschutz und IT-Sicherheit werden immer wichtigere Themen. Die Firewall des Mittelalters war die Stadtmauer, die den freien Handel geschützt und garantiert hat. Die DDoS Attacken von ein paar Skript-Kiddies in diesem Jahr haben sehr deutlich gemacht, wie anfällig zentrale Marktplätze gegen Angriffe solcher Art sind. Hier liegt eine große Chance der lokalen Marktplätze. Neben der Schaffung von lokalen Marktplätzen gehört daher für mich auch die Schaffung von lokalen Rechenzentren eigentlich zwingend dazu.

Der letzte Punkt in dieser Digitalen Agenda ist die Frage nach dem Make oder Buy. Also die Frage, ob IT-Services über proprietäre Lösungen eingekauft oder auf der Basis von OpenSource Lösungen selbst entwickelt und bereit gestellt werden. Was auf den ersten Blick nach einer Geschmacksfrage aussieht, sollte aber über das nüchterne Abwägen von Pro und Contra entschieden werden. Welcher Weg hier nun eingeschlagen wird oder es einen gemischten Weg aus Make and Buy dann am Ende gibt, wird man am Ende erst sehen.

Dieser Beitrag ist nur ein Anriss dessen, was in der Gesamtheit tatsächlich dahinter steckt. Dessen bin ich durchaus bewusst. Irgendwo muss jetzt der Anfang gemacht werden. Ein Schritt ist zum Beispiel ein standardisiertes Testlabor, mit dessen Hilfe neue Technologien und Produkte getestet werden können, bevor sie in den produktiven Betrieb gehen. Aber nicht nur das kann mit der Hilfe eines Test Labs getestet werden. Hier können auch IT-Services standardisiert und industrialisiert werden. Damit haben wir auch die Grundlage für einen IT-Service-Katalog, der sowohl die Bedürfnisse der Kunden (Händler) als auch die der IT-Unternehmen erfüllt. Und das führt dann letztendlich auch zu einer besseren Servicequalität und Wahrnehmung der Leistungen der IT-Dienstleister durch den Kunden. Und damit dann auch ein bisschen mehr Verständnis auf der Seite der Kunden, dass man die Kosten für einen PC-Arbeitsplatz halt eben nicht mit denen für einen privaten Heimcomputer vergleichen kann.

5 Gedanken zu „Was müssen die lokalen Händler machen, um nicht mit der Digitalisierung unterzugehen?“

  1. Ergänzend dazu ist auf Zugänglichkeit für alle potentiellen Kunden zu achten. Dabei geht es nicht nur um blinde Kunden wie mich, sondern auch um ältere Menschen, für die Strukturen einer Seite leicht erkennbar sein sollte.

    1. Hi Lydia,
      danke für deinen Kommentar. Es geht mir hier aber nicht um die Barrierefreiheit von Shop-Systemen für den Endverbraucher. Es geht eigentlich darum, wie die Prozesse dahinter digitalisiert werden. Im übrigen ein Bereich der sich durchaus auch für Menschen mit Seebehinderung eignen würde, da viele Aufgaben auch über eine Eingabeaufforderung nur mit Skript-Befehlen viel effizienter zur erledigen sind. An der Stelle wären wir dann schon mal fast Barrierefrei.
      Gruß Michael

  2. Danke für diesen wertvollen Beitrag, der einmal die – wenn man so will – metatechnische Perspektive für Ansätze im Local Commerce einnimmt. Sich also nicht im Abwägen von Shopsystemen oder Funktionen eines Multi-Vendor Online-Shops verliert, sondern im Prinzip digital-strategische Hinweise gibt (Stichwort: lokale Rechenzentren).

    1. Hallo Andreas,

      danke für deinen Kommentar. Ich muss mich auch nicht in im Abwägen von Shop-Systemen und der Funktionen verlieren. Dieses Feld überlasse ich gerne anderen.

      Dieser Beitrag sollte deutlich machen, dass die Herausforderungen der Digitalisierung nicht ein lokaler Einzelhändler alleine meistern kann. Genauso wenig kann ein IT-Unternehmen alleine mit seinen Lösungen die Rettung bringen. Hier müssen viele mit sehr unterschiedlichen Interessen an einen Tisch gebracht und gemeinsam eine Strategie erarbeitet werden. Kurze Wege erleichtern hier das Bündeln der eh schon sehr knappen Ressourcen.

      E-Governance wird gerade im ländlichen Gebieten immer wichtiger für die Menschen. Darin besteht aber auch die Chance gerade auf den Internetseiten der Gemeinden neben Informationen und dem digitalen Behördengang auch einen digitalen Marktplatz einzurichten. Und genau hier schlafen für mich die Kommunen gewaltig, weil sich natürlich auch hier für die Gemeinden zusätzliche Einnahmequellen bieten (was im Mittelalter mit der Einrichtung von Marktplätzen völlig normal war). Also alle wichtigen Funktionen des täglichen Lebens an einem zentralen Ort, bzw. auf einer zentralen Domain.

      1. Mit Blick auf Kommunen, Städte und Kreise wiederhole auch ich mich: Es fehlt eine koordinierte, sachkundige Auseinandersetzung mit der – ich kann das Buzzword selbst nicht mehr hören – Digitalen Transformation. Allein, es fehlen Ressourcen, Budgets, aber leider meistens kluge Entscheiderköpfe, die sagen, was in den nächsten Jahren wirklich wichtig wird und wo die Budgets hinfließen müssen. Beispielsweise in eine Stabsstelle Digitalisierung, die irgendwo zwischen Wirtschaftsförderung und Standort/Stadtmarketing aufgehängt ist – vorausgesetzt es finden sich fähige Leute (Wer bildet sie aus? Wer begeht nicht den Fehler, Techis und Nerds einzustellen statt „ganzheitlich“ denkende Moderatoren für die der Code genauso selbstverständlich ist wie der Moderationsprozess?)
        In den größeren Städten wird zumindest immer häufiger eine CDO-Stelle geschaffen. Auch das ein Anfang.
        Dass es im Kern immer auch um Change Management und das Aufbohren der Köpfe geht, ist auch jedem klar, der einmal in Digitalisierungsprojekte involviert war – das gilt für DAX-Unternehmen genauso wie für eine Kleinstadt in der hintersten Ecke Deutschlands.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.