Cetina, Festungen und Geschichte, die Google nicht kennt

Der Tag begann – wenig überraschend – nicht mit Luxus, sondern mit Realität. Nach dem Stromausfall vor ein paar Tagen nun das nächste Kapitel kroatischer Infrastrukturromantik: Wasserabschaltung im Hotel. Von 8 bis 12 Uhr. Man lernt auf so einer Reise erstaunlich schnell, Prioritäten zu setzen. Zum Beispiel, wann man duscht – oder wann man akzeptiert, dass Hygiene heute eher ein theoretisches Konzept bleibt.

Danach ging es in die Cetina-Schlucht zum Vodopád Gubavica. Ein Wasserfall, der keine Rückfragen stellt und keine Erklärungen braucht, sondern einfach da ist. Tief, laut, beeindruckend – und damit das exakt richtige Kontrastprogramm zu trockenen Hotelbadezimmern und vormittäglichen Wassersperren. Hier ist Kroatien plötzlich wieder ganz bei sich: wild, schön und spürbar unbeeindruckt vom Menschen und dessen Tagesplanung.

Schon am Parkplatz zeigte sich allerdings, dass selbst dieser Ort nicht vollständig frei von Zivilisation ist. Dort stand ein Wohnmobil mit Kennzeichen aus dem Berliner Umland. Auf dem Armaturenbrett saß eine Katze und beobachtete die Umgebung mit jener Mischung aus Überlegenheit und milder Verachtung, die Katzen seit Jahrtausenden perfektioniert haben.

Ich machte Spatzl darauf aufmerksam – ein klassischer Fehler. Sie drückte natürlich sofort ihre Nase an die Scheibe. Exakt in diesem Moment öffnete sich die große Seitentür des Wohnmobils, und zwei Gesichter blickten uns ebenso überrascht an, wie wir sie.
Nach einem kurzen Gespräch stellte sich heraus: Die beiden waren seit Januar unterwegs, quer durch Europa, langsam auf dem Rückweg in ein Leben mit Terminen, Kalendern und Pflichten. Die Katze war immer dabei. Wir erzählten von unserem Plan, die Wasserfälle zu besuchen, sie von ihrem geplanten Frühstück. Dann trennten sich unsere Wege – sie mit Kaffee und Katze, wir mit Vorfreude und festem Schuhwerk.

Im Anschluss stand eine Festung bei Brela auf dem Programm: Utvrda Duare. Strategisch gelegen, geschichtsträchtig – und dennoch so unscheinbar, dass man sie fast übersieht. Keine Hinweistafeln, keine Inszenierung, kein Souvenirverkauf. Einfach Mauern, Lage und Geschichte. So, wie Festungen früher eben waren, bevor sie gelernt haben, Eintritt zu verlangen.

Beim Abstieg von der Festung zum Auto kreuzten sich unsere Wege erneut. Diesmal erfuhren wir mehr: Sie ist Polizistin in Berlin, er muss bald zurück in den Steinbruch zur Arbeit. Zwei Menschen zwischen Fernweh und Realität, irgendwo in einer kroatischen Schlucht, mit einer Katze als stabilster Konstante. Man wünschte ihnen instinktiv noch ein paar Wochen mehr Reisezeit – wissend, dass Wünsche selten mit Arbeitsverträgen kompatibel sind.

Der Wasserfall rauschte weiter, als wäre nichts gewesen. Und vielleicht ist genau dieses das Beste an solchen Orten: Sie erinnern einen daran, dass Geschichten kommen und gehen – aber die Natur keinerlei Interesse daran hat, sich dafür zu bedanken.

Zur Stärkung ging es anschließend zum Mittagessen irgendwo in Makarska. „Irgendwo“ ist in diesem Fall keine Abwertung, sondern eine präzise Zustandsbeschreibung: Hafen, Boote, Sonne, Essen auf dem Tisch – alles da, was man braucht. Makarska versteht sich auf Kulisse, ohne dafür Applaus einzufordern.

Gestärkt folgte der Rundgang über die Halbinsel am Hafen. Dort liegt die Church of St. Peter (Crkva sv. Petra) – mitten in einem aktiven Ausgrabungsgebiet. Kein großes Schild, keine erklärenden Tafeln, kein aufforderndes „Bitte hier staunen“. Und genau dort trafen wir auf eine Archäologin, die an der Freilegung einer spätantiken Befestigungsanlage arbeitet.

Was dann folgte, war einer dieser seltenen Momente, die man nicht planen kann: Einblick in Grabungskarten, Erklärungen zur Spätantike und der wichtige Hinweis, dass es sich hier um ein Castell handelt – eine militärische Anlage zur Kontrolle des Seewegs. Keine Villa rustica, kein römischer Landsitz mit Säulenromantik, sondern nüchterne Verteidigungsarchitektur mit klarer Funktion. Ergänzt wird dieses Bild durch Gräber aus dem 18. und 19. Jahrhundert, die auf den Karten ebenfalls verzeichnet sind. Geschichte in Schichten. Still, sachlich und vollkommen ohne Show.

Während um uns herum Touristen vorbeigingen, Selfies machten und weiterzogen, standen wir an einem Ort, an dem sich militärische, religiöse und alltägliche Geschichte über Jahrhunderte überlagert haben – weitgehend unbeachtet und erstaunlich unaufgeregt. Vielleicht, weil es hier nichts zu kaufen gibt.

Am Ende des Tages war klar: Makarska markiert den südlichsten Punkt unseres Roadtrips. Unser Hotel liegt ein kleines Stück nördlich davon, aber geografisch – und gedanklich – sind wir hier am Wendepunkt angekommen.

Morgen beginnt die Rückfahrt nach Deutschland. Der erste Stopp wird der Bleder See sein, mit einer Übernachtung und einem kurzen Rundgang. Noch einmal Wasser – diesmal hoffentlich ohne Abschaltung.

📍 Stationen & Orte dieses Tages

🌊 Cetina-Schlucht & Wasserfall
Vodopad Gubavica (Aussichtspunkt & Abstieg):
Google Maps öffnen

🏰 Festung bei Brela
Utvrda Duare:
Google Maps
Hintergrund & Geschichte:
lust-auf-kroatien.de

🍽️ Mittagessen
Hafen von Makarska – ohne feste Adresse, aber mit Sonne, Booten und ausreichender Kalorienzufuhr.

⛪ Archäologie & Geschichte
Church of St. Peter (Crkva sv. Petra), Makarska:
Google Maps
Spätantikes Castell und Ausgrabungsgebiet oberhalb des Hafens (ohne große Schilder, aber mit sehr viel Geschichte).

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