Licht ohne Log-in

Es ist kalt. Der Schnee legt eine Decke über alles, was sonst stört. Eine Bank, leer. Darauf eine rote Sturmlaterne. Man weiß sofort, was dieses Bild erzählen will. Und genau da beginnt das Problem.

Die Laterne leuchtet. Sie sieht aus wie früher. Fühlt sich an wie früher. Beruhigt auf eine Art, die man längst nicht mehr hinterfragt. Ein Gegenstand, der Verlässlichkeit ausstrahlt, Beständigkeit, Unabhängigkeit. Einer von denen, die nichts von mir wollen, außer dass ich sie einschalte. Kein Theater, keine Einweisung, kein erhobener Zeigefinger.

Fast idyllisch.

Fast.

Denn natürlich brennt hier kein Docht, riecht es nicht nach Petroleum. Diese Sturmlaterne ist ein modernes Produkt, ausgestattet mit LEDs und betrieben von Batterien aus dem Supermarkt. Hoch entwickelte Autarkie, Abteilung Haushaltswaren, Regal drei, Sonderangebot neben der Kasse.

Das macht sie nicht schlechter. Aber deutlich ehrlicher.

Denn Dinge, die einfach funktionieren, sind heute erklärungsbedürftig. Systeme sollen wachsen, sich vernetzen, reagieren, lernen. Sie wollen begleitet werden, gepflegt, regelmäßig bestätigt. Und sie wollen bleiben. Am liebsten dauerhaft. Monatlich abgerechnet, jederzeit kündbar, praktisch, aber mühsam zu verlassen. Eine LED-Sturmlaterne ist dafür ein perfektes Symbol: Sie sieht nach Unabhängigkeit aus, ohne wirklich eine zu sein.

Ein hübscher Kompromiss. Und ein sehr zeitgemäßer.

Die Laterne sagt nichts. Sie erklärt nichts. Sie rechtfertigt sich nicht. Und genau dadurch stellt sie eine unangenehme Frage: Was meinen wir eigentlich, wenn wir von Unabhängigkeit sprechen? Den vollständigen Rückzug aus moderner Infrastruktur – oder nur das gute Gefühl, alles im Griff zu haben, solange die Lieferketten funktionieren und der Supermarkt geöffnet ist?

Natürlich ist das hier kein Aufruf zur Rückkehr ins 19. Jahrhundert. Niemand will ernsthaft Kerzen ziehen, Dochte schneiden oder digitale Kommunikation gegen Rauchzeichen eintauschen. Aber vielleicht wäre es an der Zeit, ehrlicher zu werden. Unabhängigkeit beginnt nicht dort, wo man sich romantische Geschichten erzählt, sondern dort, wo man seine Abhängigkeiten kennt – und bewusst auswählt.

Diese Bank im Schnee wartet auf nichts.
Die Laterne auch nicht.
Aber sie erinnert daran, dass selbst das scheinbar Einfache Teil eines komplexen Systems ist. Und dass „funktioniert“ nicht dasselbe bedeutet wie „frei“.

Das ist der Auftakt zu Wandern, Warten, Wahnsinn 2026. Kein Manifest, kein Technikbashing, kein Reinheitsgebot. Sondern eine monatliche Übung in Ehrlichkeit: Welche digitalen Abhängigkeiten sind bequem? Welche sind unnötig? Und welche halten wir nur deshalb für alternativlos, weil wir sie nie ernsthaft hinterfragt haben?

Wir fangen klein an. Mit Beobachtungen und Selbstversuchen. Und mit Berichten, die genau dann interessant werden, wenn sie nicht gut ausgehen.

Und vielleicht stellen wir am Ende fest: Unabhängigkeit beginnt oft nicht mit Verzicht, sondern mit dem Mut, sich nichts vorzumachen.

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