Die Bilder, die nie entstanden sind

Neulich habe ich mir ein Video eines YouTubers über den Neckarsteig angesehen. Technisch gab es daran nichts auszusetzen. Schöne Landschaften, saubere Aufnahmen, interessante Strecke. Eigentlich alles, was man von einem solchen Film erwarten darf. Trotzdem blieb bei mir am Ende eine gewisse Enttäuschung zurück. Nicht weil das Video schlecht gewesen wäre, sondern weil es mir etwas vor Augen geführt hat.

Plötzlich wurde mir klar, dass ich seit Jahren denselben Fehler mache.

Ich fotografiere Orte, obwohl ich eigentlich Geschichten erzählen möchte.

Das klingt zunächst wie einer dieser schlauen Sätze, die man sich auf eine Postkarte drucken lassen könnte. Für mich ist es aber eine ziemlich unangenehme Erkenntnis. Wer viel wandert oder mit dem Fahrrad unterwegs ist, lernt irgendwann automatisch, was ein gutes Foto ausmacht. Man achtet auf Licht, Perspektive, Bildaufbau und die üblichen Verdächtigen. Also fotografiert man Burgen, Aussichtspunkte, Flüsse, Marktplätze und Sonnenuntergänge. Am Ende der Reise kommt man mit hunderten Bildern nach Hause und stellt beim Durchsehen fest, dass etwas fehlt.

Die eigentlichen Erinnerungen sind nicht auf den Bildern.

Da ist der Stromausfall im Hotel. Die Wasserabschaltung am Morgen. Das Gespräch mit einem Fremden. Die Bedienung, die einen für verrückt erklärt, weil man mit dem Fahrrad quer durch Deutschland fahren will. Die seltsamen Situationen, über die man noch Monate später spricht. Von all diesen Dingen existiert oft kein einziges Foto. Dafür habe ich achtzehn Aufnahmen derselben Burg aus leicht unterschiedlichen Blickwinkeln.

Offenbar hatte ich jahrelang die Hoffnung, dass sich Geschichten von selbst zwischen die Landschaftsaufnahmen schmuggeln würden. Tun sie aber nicht. Geschichten muss man bewusst fotografieren.

Das Problem dabei ist, dass man eine Geschichte meistens erst hinterher erkennt. Während man mitten in ihr steckt, wirkt sie oft vollkommen unspektakulär. Ein Gespräch. Ein Schild. Eine Pause auf einer Bank. Ein kaputter Automat. Nichts davon ruft laut: „Fotografiere mich, ich werde später wichtig!“ Eine Burg dagegen schon. Sie steht groß in der Landschaft und macht unmissverständlich klar, dass sie fotografiert werden möchte.

Dazu fiel mir ein Beispiel ein, das diesen Unterschied perfekt beschreibt.

In Forchheim habe ich zwei Bilder gemacht, die mir erst im Nachhinein ihren eigentlichen Wert gezeigt haben. Das erste zeigt ein schlichtes Verkehrsschild: 20 % Gefälle. Nichts Spektakuläres, nichts Poetisches, einfach ein Hinweis am Straßenrand. Und doch ist genau dieses Bild rückblickend eines der ehrlichsten Bilder der ganzen Tour. Denn es erzählt etwas, das man sonst nur in den Beinen spürt: dass es hier ernst wird.

Das zweite Bild ist auf den ersten Blick ein Fehler. Ein klassischer Fehlgriff, den man normalerweise aussortieren würde. Falsch reagiert, falscher Moment, falsche Idee. Und trotzdem ist genau dieses Bild dasjenige, das sich am besten als Titelbild für diese Geschichte eignet.

Nicht weil es fotografisch gelungen wäre, sondern weil es etwas zeigt, das ich lange übersehen habe: wie sehr ich dazu neige, nach dem „richtigen Motiv“ zu suchen, während die eigentliche Geschichte oft in den unbequemen, unperfekten Momenten steckt.

Genau hier liegt vermutlich auch der Grund, warum die kleine Kamera oder manchmal sogar das Handy das bessere Werkzeug sein kann. Geschichten warten nicht darauf, dass man den Fotorucksack öffnet, das passende Objektiv auswählt und die Kamera einstellt. Sie passieren einfach. Wer sie festhalten will, muss bereit sein.

Am Sonntag wartet die nächste Gelegenheit zum Üben. Etwas mehr als siebzig Kilometer stehen auf dem Plan. Der letzte Abschnitt hat es in sich. Steigungen von deutlich über zehn Prozent. Ich habe Respekt davor. Vielleicht sogar ein wenig Angst. Früher hätte ich vor allem darüber nachgedacht, welche schönen Bilder ich unterwegs machen könnte. Heute beschäftigt mich eine andere Frage: Wie fotografiert man Angst? Wie fotografiert man Anstrengung? Wie fotografiert man das Gefühl, es geschafft zu haben?

Nicht mit einem Selfie. Nicht mit einem leidenden Gesichtsausdruck. Sondern vielleicht nur mit einem Fahrrad.

Ein Rad am Fuß eines steilen Anstiegs. Ein Warnschild mit zweistelligen Prozentzahlen. Ein Fahrrad, das während einer Pause an einer Leitplanke lehnt. Später dasselbe Rad oben am Aussichtspunkt, wo die Strecke hinter ihm im Tal verschwindet. Das Fahrrad wird zum Stellvertreter seines Fahrers. Plötzlich geht es nicht mehr darum, ob ein Bild schön ist, sondern ob es etwas erzählt.

Vielleicht habe ich in den vergangenen Jahren tausende Fotos gemacht und dabei genau die Bilder übersehen, die ich heute für meine Geschichten bräuchte. Nicht weil ich sie nicht gesehen hätte, sondern weil ich noch nicht wusste, wonach ich suchen muss.

Deshalb lautet die wichtigste Frage für mich inzwischen nicht mehr: „Wie mache ich bessere Bilder?“ Die viel spannendere Frage ist: „Welche Bilder werde ich vermissen, wenn ich diese Geschichte später erzählen möchte?“

Vielleicht beginnt gute Reisefotografie genau an diesem Punkt.

Kommentare

Ein Kommentar zu „Die Bilder, die nie entstanden sind“

  1. Avatar von Wolfgang Schäfer
    Wolfgang Schäfer

    Ein wirklich gelungener Beitrag. Aus dem werde ich sicher meine Lehren ziehen und zukünftig auch meine Beiträge unter genau diesen Gesichtspunkten verfassen.

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