Ich habe keinen Betrieb. Keine Angestellten, keine Kundschaft, kein Klingelschild mit Öffnungszeiten. Kein Faxgerät im Flur, keine Kaffeemaschine für Mitarbeitende, keine Umsatzsteuer-Identifikationsnummer im Kopfkissen. Und trotzdem bekam ich Post vom Beitragsservice von ARD, ZDF und Deutschlandradio. Betreff: „Rundfunkbeitrag für Ihre Betriebsstätte“. Aktenzeichen inklusive. Das Ganze wirkte erstaunlich entschlossen für etwas, das es schlicht nicht gibt.
Die Betriebsstätte existiert offenbar dort, wo heutzutage viele Dinge existieren: im Kopf eines Algorithmus.
Ich stelle mir das ungefähr so vor: Irgendwo läuft ein Scan. Eine Website wird besucht, allerdings nicht gelesen. Lesen wäre schließlich anstrengend. Stattdessen werden Strukturen erkannt. Ein Impressum. Ein Projektname. Klare Texte. Technische Themen. Ordnung. Und Ordnung, das weiß man ja, ist verdächtig. Wer strukturiert schreibt, muss etwas verkaufen. Wer IT-Themen behandelt, betreibt vermutlich ein Unternehmen. Wer keinen blinkenden „Hobbyblog“-Sticker trägt, ist automatisch wirtschaftlich aktiv.
Dass ein Mensch hinter dieser Website sitzt, der einfach gern schreibt, dokumentiert, reflektiert und publiziert – geschenkt. Kontext ist etwas für Menschen. Algorithmen arbeiten effizienter. Sie stellen keine Fragen, sie vermuten.
So wird aus einem privaten Projekt eine „mögliche Betriebsstätte“. Nicht, weil es Anzeichen für Umsatz gäbe, sondern weil es Anzeichen für Kompetenz gibt. Und Kompetenz ist in der Logik automatisierter Verwaltungsprozesse offenbar nicht mehr privat denkbar. Wer sich Mühe gibt, hat etwas zu verbergen – oder zumindest etwas zu zahlen.
Rechtlich ist die Sache eigentlich banal. Ein Impressum macht aus einer Website kein Gewerbe. Ein Projektname ist keine Firma. Ein Homeoffice ohne Kundenverkehr ist keine Betriebsstätte. Aber diese Differenzierungen setzen voraus, dass jemand hinschaut, abwägt und versteht. Genau das ist nicht vorgesehen. Stattdessen gibt es Datenabgleiche, Trefferwahrscheinlichkeiten und Serienbriefe.
Der Clou dabei: Man erfährt nie, welche Daten eigentlich verwendet wurden. Man weiß nur, dass man irgendwo auffällig war. Vielleicht war es der Projektname. Vielleicht ein alter Datensatz. Vielleicht einfach die Tatsache, dass die Website existiert. In einer Welt, in der „online sein“ zunehmend mit „wirtschaftlich aktiv sein“ gleichgesetzt wird, reicht Sichtbarkeit offenbar schon aus.
Also antwortet man. Sachlich. Kurz. Ohne Ironie, auch wenn es schwerfällt. Man erklärt, dass keine Betriebsstätte existiert. Dass kein Gewerbe besteht. Dass keine selbstständige Tätigkeit ausgeübt wird. Und dann wartet man. Meistens passiert: nichts. Der Vorgang wird geschlossen, der Algorithmus beruhigt sich, die Akte verschwindet im digitalen Nirwana. Bis zum nächsten Scan.
Was bleibt, ist ein schönes Lehrstück über den Zustand digitaler Verwaltung. Nicht bösartig, nicht verschwörerisch, sondern schlicht mechanisch. Verdacht ersetzt Verständnis. Wahrscheinlichkeit ersetzt Prüfung. Rückfragen ersetzen Belege. Es ist kein Angriff, eher ein automatisiertes Schulterzucken mit Briefkopf.
Man könnte sich darüber aufregen. Man könnte Grundsatzdebatten führen. Oder man nimmt es als das, was es ist: ein Symptom. Ein System, das immer mehr Daten sammelt, aber immer weniger Kontext verarbeitet. Das weiß, dass jemand existiert, aber nicht warum. Das reagieren kann, ohne zu begreifen.
Die Ironie ist kaum zu übersehen: Ausgerechnet in einer Zeit, in der digitale Kompetenz gefordert wird, führt digitale Ordnung zur Verdächtigung. Wer sauber arbeitet, fällt auf. Wer strukturiert dokumentiert, wird kategorisiert. Wer transparent ist, bekommt Post.
Ich habe geantwortet. Der Algorithmus hat seinen Haken vermutlich wieder entfernt. Die Betriebsstätte ist aufgelöst, zumindest bis auf Weiteres. Sie war nie real, nur plausibel. Und das reicht heute oft schon aus.
Vielleicht ist das die eigentliche Pointe: In der digitalen Verwaltung zählt nicht mehr, was ist – sondern was sein könnte. Und manchmal reicht dafür schon eine gut gemachte Website.

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