Geräte sind keine Haltung – warum Inventarlisten Orientierung nicht ersetzen

Es scheint wieder in zu sein, über die eigenen Geräte und über Software zu schreiben. Gab’s vor zwanzig Jahren schon einmal. Damals hießen die Beiträge „Mein Set-up“, heute heißen sie „Transparenz“. Der Inhalt ist derselbe: eine Liste. Ordentlich, vollständig, folgenlos.

Listen sind bequem. Sie verlangen keine Entscheidung, nur eine Aufzählung. Sie zeigen Besitz, aber keine Haltung. Wer seine Geräte herunterbetet, erzählt nichts darüber, warum genau diese Dinge den eigenen Alltag bestimmen dürfen – oder was sie einem abverlangen. Eine Liste ist keine Reflexion, sie ist Inventur. Und Inventuren schreibt man für Versicherungen, nicht für Leser.

Interessant wird es nämlich nicht bei der Frage, was jemand nutzt, sondern wofür er bereit ist, Prinzipien zu opfern. Wo Datenschutz plötzlich relativ wird, weil die App so schön praktisch ist. Wo Abhängigkeiten hingenommen werden, weil Alternativen unbequem wären. Man sich selbst einredet, das sei alles „bewusst entschieden“, obwohl es längst Gewohnheit ist. Davon liest man in diesen Geräteposts erstaunlich wenig.

Stattdessen: NAS-Modellnummern. Betriebssysteme. Dienste. Alles alphabetisch sortiert, als würde Ordnung schon Erkenntnis ersetzen. Kein Wort darüber, welche Tools nerven. Welche Kompromisse schmerzen. Welche Entscheidungen man heute anders treffen würde. Perfektion ohne Bruchstellen – und damit ohne Aussage.

Ein Kompass wäre ehrlicher.

Ein Kompass verspricht nichts. Keine Automatisierung, keine Optimierung, kein Ökosystem. Er zeigt nur eine Richtung. Was man daraus macht, bleibt Verantwortung. Er funktioniert nicht, wenn man ihn delegiert. Und genau das unterscheidet ihn von den meisten digitalen Werkzeugen, die heute so stolz aufgelistet werden: Sie nehmen Entscheidungen ab – und damit auch Haltung.

Mich interessiert nicht, welche Geräte jemand besitzt. Mich interessiert, wo jemand bereit ist, Reibung auszuhalten. Wo Bequemlichkeit bewusst abgelehnt wird. Wo man akzeptiert, dass Dinge langsamer, sperriger oder umständlicher sind, weil sie dafür weniger fordern: weniger Daten, weniger Aufmerksamkeit, weniger Abhängigkeit.

Und ja, natürlich ist niemand konsequent. Das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, ob man diese Inkonsistenzen sichtbar macht – oder sie unter Modellbezeichnungen begräbt. Ob man über das Scheitern spricht oder nur über das Set-up. Ob man Orientierung sucht oder nur Ausstattung zeigt.

Wer über Geräte schreibt, ohne über Entscheidungen zu schreiben, betreibt Technikfolklore. Nett anzusehen, nostalgisch vielleicht, aber ohne Relevanz. Ein Regal voller Werkzeuge sagt nichts darüber aus, wohin jemand unterwegs ist.

Ein Kompass schon.

Auslöser dieses Beitrags
Der Anstoß zu diesem Text war ein aktueller Blogbeitrag bei Der Schreibende, in dem Geräte, Software und genutzte Dienste dokumentiert werden. Der verlinkte Artikel ist das Original – der Text hier ist eine persönliche Reaktion darauf.

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert