Warum moderne ERP-Systeme wie JTL-Wawi irgendwann an der Realität zerbrechen

Es gibt in deutschen Unternehmen zwei Konstanten. Erstens: Irgendwo existiert immer noch eine Excel-Datei namens „Final_final_NEU2_WirklichFinal.xlsx“. Zweitens: Das ERP-System ist grundsätzlich schuld. Immer. Ganz egal, ob der Fehler gerade im Lager, im Vertrieb, in der Buchhaltung oder im Kopf des Geschäftsführers entstanden ist. Systeme wie JTL-Wawi bekommen am Ende alles ab, weil sie sich schlecht verteidigen können und meistens ohnehin aussehen wie eine Mischung aus Windows 98, Steuerformular und emotionaler Gewalt.

Dabei liegt das eigentliche Problem selten in der Software selbst. Moderne Unternehmen erzeugen heute Datenmengen und Prozesschaos, bei denen selbst erfahrene IT-Architekten irgendwann anfangen, leise in ihre Kaffeetasse zu weinen. Früher war eine Warenwirtschaft noch vergleichsweise einfach. Kunde bestellt Ware, Lager verschickt Ware, Buchhaltung schreibt Rechnung, fertig. Heute braucht derselbe Artikel plötzlich einen CO₂-Wert, eine Batteriekennzeichnung, fünf internationale Steuerregeln, irgendeinen KI-generierten SEO-Text und vermutlich noch einen TikTok-Score, damit Marketing-Kevin zufrieden ist.

Klassische ERP-Systeme wie JTL-Wawi versuchen trotzdem weiterhin, diese Realität in starre relationale Tabellen zu pressen. Die Datenbank möchte Ordnung. Sie möchte sauber getrennte Kunden, Artikel und Aufträge. Die Realität eines Unternehmens sieht dagegen meistens eher aus wie ein Kinderzimmer nach drei Tagen Kindergeburtstag mit Energy Drinks und unbeaufsichtigtem Alkoholzugang. Also beginnt die große Bastelstunde. Es entstehen Sonderfelder, Zusatzmodule, Erweiterungstabellen und Workarounds, die ursprünglich mal „nur temporär“ gedacht waren und sieben Jahre später plötzlich geschäftskritisch sind. Irgendwo läuft garantiert noch ein Skript aus dem Jahr 2014, das niemand mehr versteht, das aber sofort den kompletten Warenfluss zerstört, sobald man es abschaltet.

Technisch betrachtet wäre ein modernes ERP deshalb wahrscheinlich gar kein klassisches ERP mehr. Es wäre eher ein riesiges Nervensystem aus Ereignissen, Schnittstellen und Datenströmen. Statt einfach nur einen Status von „offen“ auf „versendet“ zu ändern, würde das System tatsächlich verstehen, was vorgefallen ist. Bestellung eingegangen. Zahlung erhalten. Ware reserviert. Versand gestartet. Kunde beschwert sich. Chef bekommt hektische PowerPoint-Anfälle. Alles würde als Ereignis gespeichert und nachvollziehbar bleiben. Nicht mehr starre Tabellen wären das Herzstück, sondern flexible Datenobjekte, die sich an die Realität anpassen können, statt die Realität zwanghaft in Formulare aus den frühen 2000ern zu prügeln.

Genau hier kommt dann NoSQL ins Spiel. Das klingt zunächst wie etwas, das ein übermotivierter LinkedIn-Coach zwischen zwei KI-Webinaren erwähnt, ist aber eigentlich nur der Versuch, Daten endlich realistischer abzubilden. Ein Auftrag wäre dann nicht mehr verteilt über fünfzehn Tabellen, Fremdschlüssel und seelische Schmerzen, sondern ein vollständiges Objekt mit allen Informationen an einem Ort. Neue Anforderungen könnten einfach ergänzt werden, ohne dass nachts um halb eins jemand hektisch Datenbankmigrationen plant und dabei langsam die Kontrolle über sein Leben verliert.

Das klingt alles fantastisch. Und technisch wäre es das auch. Der Haken ist nur leider der Mensch. Denn Unternehmen scheitern selten an Datenbanken. Sie scheitern an schlechter Datenqualität, fehlenden Standards und der urdeutschen Fähigkeit, aus jedem Prozess eine ideologische Grundsatzdiskussion zu machen. Wenn man vielen Firmen maximale technische Freiheit geben würde, hätten sie innerhalb von sechs Monaten dreizehn verschiedene Bezeichnungen für denselben Kundenstatus und irgendein Freitextfeld mit der Beschriftung „Bitte hier nichts ändern!!!“, das trotzdem täglich verändert wird.

Ein Punkt wird bei der ganzen ERP-Romantik übrigens gerne vergessen: Sicherheit. Viele klassische ERP-Systeme stammen technisch aus einer Zeit, in der „Cyberangriff“ noch ungefähr so futuristisch klang wie fliegende Autos oder funktionierende Berliner Flughäfen. Entsprechend wurden viele Systeme ursprünglich für abgeschottete Netzwerke entwickelt, in denen man höchstens Angst davor hatte, dass Dieter aus dem Vertrieb wieder aus Versehen den SQL-Server herunterfährt. Heute hängen dieselben Systeme plötzlich an Cloud-Diensten, Webshops, mobilen Apps, Marktplätzen, APIs und irgendwelchen Drittanbieter-Plug-ins, die gefühlt von einem übermüdeten Entwickler nachts um drei zwischen zwei Energy-Drinks zusammenprogrammiert wurden.

Gleichzeitig laufen in vielen Unternehmen immer noch uralte ERP-Installationen mit historisch gewachsenen Benutzerrechten, unverschlüsselten Schnittstellen und Passwörtern, die vermutlich bereits beim Amtsantritt von Angela Merkel als „vorübergehende Lösung“ gedacht waren. Das eigentliche Problem ist dabei nicht einmal die Software selbst, sondern die Mischung aus technischer Altlast, schlechter Wartung und der kollektiven Hoffnung, dass schon niemand angreifen wird. Bis dann plötzlich irgendeine Ransomware feststellt, dass mitten im Firmennetzwerk ein zentraler Datenbankserver mit Vollzugriff auf Einkauf, Lager, Kunden und Buchhaltung steht. Herzlichen Glückwunsch. Digitalisierung jetzt mit Live-Action-Eventcharakter.

Deshalb sind ERP-Projekte auch keine IT-Projekte. Sie sind eher archäologische Ausgrabungen mit psychosozialer Betreuung. Man entdeckt vergessene Prozesse, uralte Sonderlösungen und Mitarbeiter, die seit fünfzehn Jahren heimlich Excel-Makros betreiben, auf denen der gesamte Monatsabschluss basiert. Irgendwann kommt dann ein Berater ins Haus und erklärt in einem Workshop, man müsse „die Prozesse standardisieren“, während gleichzeitig drei Abteilungen innerlich bereits den Bürgerkrieg vorbereiten.

Und trotzdem führt langfristig kein Weg daran vorbei, ERP-Systeme moderner zu denken. Die Welt wird chaotischer, die Daten werden mehr und Unternehmen hängen heute an einer völlig absurden Anzahl von Schnittstellen, Plattformen und digitalen Provisorien. Das klassische ERP-Monster aus der Zeit von Röhrenmonitoren und Faxgeräten wirkt dagegen inzwischen ungefähr so zeitgemäß wie ein Navi von 2006 mit ungepatchtem Kartenmaterial.

Das ideale ERP wäre deshalb wahrscheinlich flexibel, modular, eventbasiert und KI-fähig. Es könnte mit Veränderungen umgehen, statt bei jeder neuen Anforderung einen Nervenzusammenbruch zu bekommen. Das eigentliche Problem bleibt allerdings bestehen: Die Technik wäre vermutlich noch der stabilste Teil des Unternehmens. Digitalisierung scheitert nämlich selten an der Datenbank. Meistens scheitert sie an der biologischen Middleware zwischen Bürostuhl und Tastatur.

Danksagung

Ein herzliches Dankeschön geht an:

  • JTL-Software für viele Jahre praktische Einblicke in die Realität deutscher ERP-Landschaften,
  • Mark Steier von Wortfilter für jahrzehntelange ehrliche Einblicke in die Absurditäten des E-Commerce,
  • sowie Mohamed Ali Oukassi von eBakery für unzählige sinnlose Diskussionen über JTL.

Ohne euch wäre dieser Beitrag vermutlich deutlich weniger bissig geworden.

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